Corontine – Tag 5 und 6

Selfie als Gesundheitsbarometer

Gestern Nacht habe ich entschieden, den Notruf trotz extremem Lungenstechen NICHT anzurufen. Ausschlaggebend für die Entscheidung war das Selfie, das ich in dem Moment von mir schoß. Dass ich es fertig brachte, diesen „Beweis“ meiner schmerzverzerrten, schluchzenden Miene festzuhalten. In dem Moment dachte ich: „Safia, wenn du noch fähig bist, Selfies zu schießen, bei denen du ganz eitel darauf achtest, in einem möglichst vorteilhaften Winkel zu weinen, dann kann es nicht ganz so schlimm sein.“

Wenn du noch fähig bist, Selfies zu schießen, bei denen du ganz eitel darauf achtest, in einem möglichst vorteilhaften Winkeln zu weinen, dann kann es nicht so schlimm sein.

Nun. Hier bin ich also, „alive and kicking“ – leider auch noch immer mit „alive kickenden“ Schmerzen in der Lunge. Doch erst, wenn ich kein Selfie mehr von mir machen kann, rufe ich den Notarzt, also, sofern das dann noch möglich ist, aber ich will optimistisch sein, jetzt. Von schönen Dingen berichten, etwa: 

Corona-Lockdown und Nikotin-Entzug? Träumchen! — 

Hätte ich einen Mann, dann würden wir uns in den kommenden Tagen mit absoluter Sicherheit scheiden lassen. 

Ich bin seit 24 Stunden Nichtraucherin und kurz davor, wieder anzufangen, aber die Schmerzen in meiner Lunge raten mir dringend dazu, kein Kippchen mehr anzurühren. Also tobe ich innerlich und rase durch die Wohnung, fühle mich wie ein frisch eingefangener King Kong, angetrieben von den Stichen in der Lunge und dem Verlangen nach Nikotin.

Ich würde gern etwas Positives berichten. Einer Kardashian oder Jenner gleich, die glitzernde Hoffnungsbonbons aus ihren glamourösen Großraum-Villen posten. Das scheint nämlich das Stichwort der Stunde. Ich stelle mir vor, wie ein Star mit seinen PR-Berater*innen bei einer Corona-Krisensitzung über die Marketingstrategie für die nächsten Monate entscheidet: „Hoffnung geben.“ 

Also twittern und instagrammen die V.I.P.s der Welt positive Botschaften, Mit-Katze-kuscheln-gestellte-Selfies, Herzchen Emojis, durchmischt von Werbeprodukten, die trotz Quarantäne noch lieferbar sind: „Oh, danke für diese Detox-Beauty-Maske, genau das Richtige für jetzt!“ Oder: „Endlich habe ich Zeit, meine neue soundso-Sound-Anlage auszuprobieren“. Sowas ärgert mich. Weil es sich falsch anfühlt. Hinterlistiges Produkt-Placement. 

Oder Arni Schwarzenegger, der, von seinem Haus-Esel und Pony flankiert, die Leute bittet: „stay home“. An sich finde ich seine Botschaft gut und richtig, ABER: es ist leicht, diese Botschaft zu verbeiten, wenn man eine Villa bewohnt, in der sowohl ein Pony als auch ein Esel in der hauseigenen Parkanlage mit Riesenpool locker Platz haben. Besäße ich persönlich ein solches Anwesen, dann würde ich nicht bloß in Corona-Zeiten zu Hause bleiben wollen. Aber was ist, wenn man eine Bleibe bewohnt, in der der Esel noch nicht einmal in den Flur passen würde und der Kühlschrank nur noch zu öffnen wäre, wenn man das Pony erst ins Wohnzimmer schieben müsste?

Wenn ich ein Pony hätte.

Mehr als jeden Star, der vorbildlichstes Lockdown-Dasein vorführt, bewundere ich die Leute, die momentan auf engstem Raum zusammengepfercht sind – Familien in winzigen Wohnungen. Und diejenigen, die in diesen Tagen schuften, ihr Leben riskieren, damit wir alle überhaupt zu Hause bleiben können – ich denke oft an die Müllmänner. Sie sind meine Helden. Neben dem Gesundheitspersonal, den Verkäufern, den LKW-Fahrern und Polizisten. Die Müllmänner! Über die redet niemand. Oder zumindest habe ich das bisher nicht mitbekommen. Die haben ja so schon keinen einfachen Job, aber jetzt muss es wahrhaft ein risky business sein, unseren Viren-infizierten Müll abzutransportieren. 

Ich war vor der Tür: bei der Apotheke und anschließend einkaufen. Hurra! ICH WAR VOR DER TÜR! Verrückt, man darf noch raus. Daran habe ich vorgestern in meiner verzerrten Wahrnehmung gar nicht mehr geglaubt. 

Es liegt daran, dass wir hier in Frankreich jetzt ein Attest brauchen, um raus zu dürfen. An sich kein Ding: jeder bekommt den Attest. Man muss es bloß online runterladen und ausdrucken, oder – wie ich, die keinen Drucker hat – abschreiben. Und: mit blauem oder schwarzem Kuli unterschreiben – Bleistift zählt nicht! Führt man diesen Wisch nicht mit sich oder hat ihn falsch ausgefüllt (z.B. mit Bleistift!), kostet der Spaß 135,-€ Strafe. Wie aber macht man das, wenn man kein Internet hat? Wo können die Leute das Attest finden und abschreiben? Meine Oma sagte, es sei auch in der Zeitung abgedruckt gewesen. Bleibt also zu hoffen, dass diejenigen, die kein Internet haben, wenigstens die Zeitung lesen. Dazu wollte ich meinen Nachbarn befragen, als ich ihm gestern zufällig vor der Haustür über den Weg lief. Der alte kettenrauchende Mann ohne Internet, einer der letzten original Pariser Schaufensterputzer, blickte mit traurigen Hundeaugen zu mir, und hielt einen Riesenabstand (wie es ja leider sein soll). Wir fassten uns beide kurz, blickten uns mehrfach um, denn offiziell ist es derzeit verboten, draußen zu zweit unterwegs zu sein. Entsprechend trennten sich unsere Wege schnell. 

Offiziell ist es derzeit verboten, draußen zu zweit unterwegs zu sein.

Laut Regierung dürfen noch nichteinmal mehr Mitglieder desselben Haushalts gemeinsam einkaufen, Auto fahren oder draußen nebeneinander herlaufen, obwohl sie zusammen wohnen – so will es das Protokoll in Frankreich. 

Draußen war es gespenstisch. Das graue Wetter dämpfte die Stimmung zusätzlich. Ich habe mich ein wenig gefühlt wie ich mir einen kommunistischen Staat an einem National-Trauertag vorstelle. Oder wie in „Brazil“ oder „1984“. Die Straßen leer, in den Supermärkten wenig los, ansonsten alle Läden geschlossen. Die wenigen Menschen, denen ich begegnete waren immer allein und auf der Hut, oder verrückt: der Obdachlose, der umringt von Dutzenden von Tauben Spaghetti aus einem Mülleimer isst. Die beiden zwanzigjährigen, betrunkenen Jungs, die gemeinsam vor dem Supermarkt lachen und plaudern und mich lauthals anquatschen, als ich vorbei gehe. Vor allem die Begegnung mit den beiden hat mich irritiert: und zwar nicht, weil sie damit offensichtlich gegen die Lockdown-Maßnahmen rebellierten, sondern viel eher war ich über mich selbst überrascht – dass ich sofort misstrauisch wurde, als ich die beiden beisammen stehen und lachen sah.

Spaghetti aus dem Mülleimer.

Vor zwei Wochen war es doch etwas völlig normales mit Freunden durch die Straßen zu gehen und zu lachen. Wie schnell ich mich an die neuen Regeln gewöhnt habe, dass man das jetzt eben nicht mehr darf. Natürlich akzeptiere ich die Regeln, weil sie gegen das Virus helfen. Trotzdem ist es erstaunlich wie schnell ich mich angepasst habe. Wie schnell mir klar wurde, dass diese beiden lachenden Jungs nicht freundlich waren, sondern im Gegenteil bedrohlich auf mich wirkten. Jetzt fällt mir gerade der Film „Joker“ (2019) ein. Ich glaube, das beschreibt die Stimmung hier gerade am besten. Sonderbares geschieht auf den Straßen, eine bedrückend düstere Atmosphäre, jeder achtsam. 

Schön war, mit dem Verkäufer im Bioladen zu smalltalken. Dass die noch da sind! Noch geöffnet haben! Überhaupt, dass es in den Supermärkten alles gab – bis auf Desinfektionsmittel. Alles da: Gemüse, Obst, Pasta und und und. Das hat mich beruhigt. Niemand muss hamstern. Wir werden in Frankreich sicher nicht verhungern. 

Traurig war nur, als ich nach einem Brot fragte und der Verkäufer umständlich mit einer Zange versuchte, den Laib in die Tüte zu schieben, ohne ihn mit seinen behandschuhten Fingern anzufassen. Das hat es konkret gemacht: alles ist potentiell infiziert, nichts wie zuvor, das Virus überall. 

Das Vorhaben, dass ich mir draußen bloß nicht ins Gesicht fasse, ging natürlich völlig schief. Natürlich rutschte das Halstuch wie auf Knopfdruck genau in dem Moment vom Gesicht als ich den Supermarkt betrat, natürlich hatte ich zu dem Zeitpunkt bereits den Griff des Einkaufswagens berührt, und natürlich fasste ich mir daraufhin mehrfach mit Handschuh, und auch ohne ins Gesicht, um das Tuch wieder aufzusetzen, dass sogleich wieder weg rutschte – das muß ich also nochmal üben. Oder eine Burka kaufen? Eventuell eine effiziente Alternative, falls Schutzmasken ausverkauft sind. Eine Burkorona, könnte ein interessantes Geschäftsmodell sein. 

Dass jetzt fast alle Mundschutz tragen, nehme ich mit Humor, und bei meinem eigenen „unsichtbarer Mann meets Tuareg“-Look mit schwarzem Schal, Sonnenbrille und Mütze kicherte ich mir gestern beim Blick in den Spiegel ins dicke Ski-Handschuh-Fäustchen – dass ich jemals in DEM Aufzug durch Paris gehen würde? Dem Verkäufer hat mein Look gefallen. Er überlegt, künftig zusätzlich zur Maske ebenfalls Sonnenbrille zu tragen. Wir lachten. Für einen Moment war die Welt in Ordnung. Andere posten lustige Videos wie sie sich zu Hause aus Olivenöl und Waschmaschine ein Fitness-Laufband basteln, um den Humor nicht zu verlieren, und ich scheine Hoffnung darin zu schöpfen, als Mumie mit Sonnenbrille in Supermärkte einzulaufen. Mein Vorbild Big Lebowski. In den kommenden Tagen werde ich an diesem Style arbeiten, ihn verfeinern und elaborieren. 

Wie sieht Euer Corona-Outfit aus? 

Passt auf Euch auf!

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