Corontine – Tag 7

Bitte wieder zurück aufs Sars-kästchen

Während ich das schreibe, durchfährt der stechende Schmerz meine Lunge, immerzu wie ein Messer, und ich muss schreiben, muss mich ablenken, andernfalls würde ich wahnsinnig werden. 

Gestern Nacht kam kein Selfie für mich infrage – dabei kam es völlig überraschend. Ich lag auf dem Sofa, sah mir eine Serie an, als plötzlich die Welt vornüberkippte, oben zu unten wurde und mich zurückwarf, taumelnd fiel ich, Atemnot, Schüttelfrost, gelähmt erst die Finger, dann die Hände, bei dem Versuch den Notruf auf dem Handy zu klicken. Ich rufe meine Symptome und Daten durch den Schmerz hindurch, hoffe, dass sie am anderen Ende der Leitung ankommen. Sie schicken eine Ambulanz. Dazwischen vergehen 40 qualvolle, epileptisch durchschüttelte Minuten. Angst habe ich, dass es aus ist, mein Leben vorbei. Aber da ist Marie, am Telefon, irgendwie habe ich es geschafft, Marie anzurufen, mit ihrer ruhigen, stabilen Stimme redet sie mir Mut zu, erinnert mich daran, zu atmen, atmet mit mir, redet auf mich ein, wann immer ich in Panik gerate. Und ich bin eigentlich non stop in Panik. Sie versucht mich abzulenken, fragt, welchen Mantel ich anziehen werde – für einen kurzen Moment wirkt der Trick, verschiebt sich die Panik, ich bin entsetzt, in Jogginghose vor die Tür gehen zu müssen. Bin versucht, mich umzuziehen – „Bleib bloß liegen!“, sagt Marie. Ich stehe trotzdem auf, alles dreht sich, ich sacke mit den Beinen weg – sie hat recht. 

39° – im Notwagen mit den Mondmännern

Zwei Mondmänner erscheinen in der Tür. Ich hatte offen gelassen, damit sie auch rein können, falls ich in Ohnmacht gefallen wäre. Aber ich bin bei Bewusstsein, so halbwegs. Einer von ihnen hält mir einen Mundschutz hin, ich setze ihn auf und im Wagen soll ich dann ganz schnell bis 20 zählen – es misslingt. Der Mann misst mein Fieber: „39.“ Wir fahren los. Erst, auf der stillen Fahrt durch das geisterhaft leere Paris in ein Krankenhaus – ich weiß nicht mal welches – beruhigt sich mein Atem zum ersten Mal wieder. Es ist alles surreal, ich schieße ein Foto, damit ich das später glauben kann. Von der Ambulanz führen mich die Mondmänner in ein sandgelbes Plastikzelt, wo eine blaue Mondfrau hinter Bildschirmen und Kabeln wie Tentakeln sitzt. Drei Stühle stehen hier, alle leer, ich bin wirklich auf einem unbewohnten Planeten, hier ist kein Lazarett mit siechenden Kranken auf Feldbetten und überforderten Pflegern wie ich mir das ausgemalt hatte. Mein Modus ist die Solo-Quarantäne, das hatte ich vor nunmehr 7 Tagen scheinbar so ausgemacht, da wird wohl sogar das Krankenhaus passend zur Wüste, das Übergangszelt zur Sahara. Einer der Rettungsmänner lobt mich, sagt, dass ich diszipliniert bin, weil ich zuerst beim Hausarzt war und heute angerufen habe. Er sagt die Leute würden ihnen die Tür einrennen, unangemeldet in der Notaufnahme aufkreuzen ohne Symptome zu haben. Ich blicke in den leeren Raum mit den leeren Stühlen. 

Wie spät ist es? Ein Uhr nachts. Zwei Ärzte kommen dazu, sie bringen mich in einen anderen Bereich des Zeltes. Um den Sicherheitsabstand einzuhalten, muss ich dem notierenden Arzt die Antworten über zwei Meter und über das Summen der Lüftung hinweg zuschreien – scheisse, tut das weh. Der Arzt stellt etwas ruppig fest, dass ich eine Panikattacke hatte. Wusste ich nicht, sage ich. Habe ich noch nie gehabt. Aber da sind eben auch die Schmerzen in der Lunge, sage ich. Es geht weiter, ich werde in das Innere des Krankenhauses geschickt. Dort untersucht mich eine weitere Ärztin, sie diagnostiziert: Corona-Virus. 

Sie verschreibt mir Paracetamol und nimmt mich in ein Online-Betreuungsprogramm auf. Damit entlässt sie mich in die Nacht. 

Geisterhafte Stille im Krankenhaus

Wo ist der Ausgang? In welchem Krankenhaus bin ich? Ein Sicherheitsmann, den ich im leeren Flur begegne weist mir den Weg – „Ich habe den Virus“, sage ich ihm, damit er nicht zu nahe tritt. „Und da schickt man Sie heim?“, fragt er. 

Zu Hause, ja, wie komme ich dort hin? Zu Fuß? 

Er klärt mich auf, dass ich im 13. Arrondissement bin. Das China-Town von Paris. Normalerweise ist hier viel los, aber in jenen frühen Stunden zwischen Nacht und Morgen sind die Straßen leergefegt.

Am Taxistand parkt ein einziges Taxi. „Zwei Wochen nicht vor die Tür, nicht mal zum einkaufen und schon gar nicht, um frische Luft zu schnappen!“, hatte mir die Ärztin mehrfach eingebläut. Und jetzt? Wie komme ich heim ohne jemand um Hilfe zu bitten? Darf ich das Taxi nehmen? Der Fahrer trägt Mundschutz und Sanitätshandschuhe. Handschuhe hat man mir nicht gegeben. Ich versuche, nichts zu berühren. Er fragt, was ich im Krankenhaus gemacht habe. Ich bleibe vage, traue mich nicht, ihm zu sagen, dass ich den Virus habe, sondern dass man es nicht weiß, sage ich ihm, aus Angst, dass er mich sonst rauschmeißt. Doch im Laufe des Gesprächs Erleichterung als er sagt, dass es okay ist, mich trotz Virus zu fahren – dafür seien die Taxis derzeit unterwegs: um Infizierte zu fahren. Die Fahrer, die jetzt wie er hier draußen unterwegs sind, die wissen, worauf sie sich einlassen. Er wartet, bis ich im Hauseingang verschwinde. 

Ich kann nicht einschlafen. Mehrfach überkommt mich wieder das plötzliche Schwindelgefühl, was, wie ich nun also gelernt habe Panik ist. Dazu die Lungenschmerzen, die wiederum auf den Virus zurückzuführen sind. 

Es ist 6 Uhr früh, endlich schlafe ich vor Erschöpfung ein. 

Jeden Morgen muss ich jetzt einen online Fragebogen ausfüllen, mein Fieber selbst messen und meinen Puls. Je nachdem, was ich ankreuze, ruft dann ein Arzt an, um zu wissen, wie es mir geht. Der Arzt heute Mittag klang nett. Er schien wirklich interessiert zu sein. Die Apothekerin hat mir Paracetamol vor die Wohnungstür gestellt. In normalen Zeiten undenkbar! Die Leute hier sind sehr solidarisch, sehr lieb. In normalen Zeiten ebenso undenkbar: dass ich jemals wieder mein Kuscheltier aus Kindertagen aus dem Schrank hole. 

Und jetzt muss ich nach 7 Tagen Quarantäne also wieder bei Null beginnen, ab heute also für 14 neue und zudem verschärft geregelte Tage. 

Und ich kann Euch nur eines sagen: diese Schmerzen, die der Virus verursacht, die wünsche ich niemandem. 

Passt gut auf Euch auf!

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