Corontine – Tag 14

Tutu ist der MacGyver der Einsamkeit

„Warum fällt mir das Atmen heute wieder schwerer?“, fragte ich den Arzt gestern am Telefon. 

„Das Virus ist wie eine Achterbahnfahrt, es fluktuiert“, sagte er. Aha. Heute so, morgen so. 

Wirklich beruhigend finde ich das nicht, aber die Ärzte versichern mir, dass meine Symptome auf einen milden Verlauf hindeuten und ich nicht in Lebensgefahr schwebe. 

Das Coronavirus spielt nicht bloß mit der Gesundheit, auch die Psyche wird strapaziert und leider auch so manche Freundschaft. 

Vorgestern habe ich mich mit einer meiner längsten Freundinnen zerstritten. Der Auslöser war eine Winzigkeit und die Reaktion auf beiden Seiten total disproportioniert – so wie das kleine Virus zur Pandemie wurde, machten wir, so erschien es mir, im Nu aus einer Mücke einen Elefanten. An Details erinnere ich mich nicht mehr, zu schwach bin ich noch, zu erschöpft von der Krankheit, um die Scherben zu analysieren. Ich weiß bloß, ich wollte nicht streiten, bat auch am Telefon darum, schonen müsste ich mich, bitte kein Streß, und plötzlich fauchten wir uns dennoch an, schaukelten uns hoch und warfen uns Absurditäten an den Kopf. Die Extremsituation, in der wir uns alle gerade befinden, ruft scheinbar extremes Verhalten hervor. Das macht mich traurig. Und ich muss erst gesund werden, bevor ich mich diesem Konflikt erneut stellen kann. Freundschaften in der Warteschleife, wie so vieles anderes auch momentan. 

Wann hat das Warten ein Ende? 

Ich bin wütend. Weil ich mich nicht besser fühle. Weil jeder Tag gleich aussieht, ein mattes Dahintreiben, kaum konzentrationsfähig, wenig Energie. Aber wütend ist vermutlich besser als nichts. Besser, als nichts zu empfinden. Während ich diese Zeilen schreibe, wird mir jedoch schwindelig, und das gefällt mir nicht. Dann lieber zanken, streiten, schimpfen. 

Solange ich wütend sein kann, kann es mir gesundheitlich doch nicht so schlimm gehen? Sonst könnte ich jetzt sicher nicht schreiben. Und dann hätte ich vorhin auch nicht meinen Herd anbrüllen können, als die Milch überkochte. Oder den Staubsauber, weil sich das Kabel verheddert hatte. Ausser Puste war ich trotzdem. Hatte starkes Herzklopfen. Die Wangen glühten. Aber wenigstens war das ein Beweis: ich lebe. Das finde ich dieser Tage nämlich gar nicht leicht, das eigene Sein festzustellen. Bin ich wirklich? Passiert das alles gerade tatsächlich? Und wirklich auf der gesamten Welt? Oder ist es bloß ein Fiebertraum? Spielt das überhaupt eine Rolle? 

Ob Traum oder Realität, es macht mir Angst, vor allem Nachts – mehrfach wache ich schweißgebadet und nach Luft ringend auf, mir ist schwindelig, die Lungen füllen sich nur träge mit Luft, der Puls rast. Ich stehe auf und trinke ein Glas Wasser, versuche mich zu beruhigen. Eines der beiden Kuscheltiere, die ich seit Quarantäne-Beginn aus dem Schrank gefischt habe, der Tiger „Tigrou“, sieht mich schweigend an. In seinem Blick meine ich zu lesen: „Nur die Ruhe bewahren.“ Das andere Kuscheltier, „Tutu“, macht sich nichtmal die Mühe aufzuschauen, sondern bleibt einfach liegen und schläft weiter. Dann kann es doch nicht so schlimm sein. Ich streichele den beiden über den Kopf und lege mich wieder hin. 

„Sag bitte Bescheid, sobald Tutu zu sprechen beginnt“, sagte meine Freundin Marie neulich, als sie vom anderen Ende der Stadt anrief. (Mit ihr habe ich mich noch nicht zerstritten.)

„Wie läuft es mit deinem Freund?“, fragte ich. 

Marie antwortete nicht. 

Ich frage mich, wie viele Paare sich derzeit wohl wünschen, der Partner oder die Partnerin würde endlich den Mund halten und sich in ein schweigsames Kuscheltier verwandeln. Und nicht bloß Paare: Ein Freund erzählte mir, dass er in der Küche seiner WG neulich auf einen Schleifstein gestoßen sei – Wer in der WG wetzt neuerdings Messer? 

Mordgelüste in Zeiten von Corona sind vermutlich keine Seltenheit, steigen vielleicht sogar proportional zur Zahl der Neuinfektionen. Apropos: Die Freunde, die für mich einkaufen wollten, mussten kurzfristig absagen – der Mann liegt seit gestern wegen des Virus flach. 

Schade, dass weder Tutu noch Tigrou die Einkäufe übernehmen können, denn immerhin wären die beiden immun gegen das Virus. Leider sind sie aber auch zu klein. Niemals könnten sie die Tüten alleine tragen. Für die vielen Stockwerke bräuchten sie eine halbe Ewigkeit. Zudem traue ich ihnen nicht, was das Bezahlen anginge – ich glaube kaum, dass sie wissen, wie man mit Geld umgeht. Sie würden vermutlich alles für Gummibärchen und Chips verschleudern, vielleicht auch eine Flasche Rosé, die sie noch im Laden köpfen würden. Und wer weiß, ob sie anschließend überhaupt wieder heim finden würden.

Trotzdem kann ich nur beteuern: Tigrou und Tutu sind die perfekten Quarantäne-Gefährten. Vor allem Tutu, ein wahrer Profi. Wie vermutlich die Mehrzahl der von Kindern verbannten Stofftiere war er über ein Jahrzehnt in einer ollen Holztruhe isoliert. Er weiß also bestens, wie es ist, auf sich allein gestellt zu sein, mit wenig Essen und kaum Sonnenlicht klarzukommen und stoische Ruhe zu bewahren. Er kennt die Kniffe, die Tricks, um mit Einsamkeit umzugehen. Er ist ein Meister nicht nur des Zen, sondern auch des „Wer zwinkert zuerst“-Spiels – wie im übrigen auch Tigrou. Es liegt also auf der Hand, dass ich von den beiden noch viel lernen kann. 

Dass ich als Kind Tutu damals überhaupt in die blaue Kiste verbannen musste, daran ist mein Vater Schuld. Ich muss vier Jahre alt gewesen sein und erinnere mich noch genau, als ich mit ihm vor der riesigen blauen Truhe stand. Wie mein Vater versuchte, mich mit einem original Steiff-Teddy zu ködern, der mich nie im geringsten interessiert hat, schon damals nicht – Knopf im Ohr hin oder her -, dessen Namen ich längst vergessen und von dem ich mich vor Urzeiten getrennt habe. Ich sollte Tutu in der Kiste begraben, und zwar: „Für immer.“ Im Gegenzug sollte ich den von meinem Daddy gepriesenen Teddy erhalten. Mir war der Teddy sowas von gleichgültig. Ich verstand auch nicht, warum Tutu nicht bleiben durfte? In meinem Leben und in meinem Zimmer war doch genug Platz für beide. Es tat weh, mich von Tutu zu trennen, und ich tat es letztlich nur, um meinem Vater den Gefallen zu tun. Irgendetwas hatte er gegen Tutu, das spürte ich. Und als Kind wollte ich natürlich wie alle Kids in erster Linie, dass es meinen Eltern gut ging, dass sie glücklich und folglich lieb waren. 

Erst Jahre später kam ich dahinter, dass mein Vater das Tutu-Begräbnis bloß veranstaltet hatte, weil er meine Oma nicht mochte – Tutu war ein Geschenk von ihr gewesen und ausgerechnet mein Lieblingsstofftier geworden. 

Aber ein Lieblingsstofftier kann man nicht einfach ersticken. Ich bin froh, dass der Plan meines Vaters nie richtig aufgegangen ist – dass ich, im Gegenteil, den kleinen Tutu dadurch vielleicht mehr und länger ins Herz geschlossen habe, als unter normalen Umständen. Als Teenagerin befreite ich ihn etwa wieder aus der Holztruhe und nehme ihn seither Umzug für Umzug überall hin mit. Natürlich verbringt er die meiste Zeit im Schrank, aber er hat dort einen guten Platz, dafür sorge ich. 

Der positive Aspekt der Geschichte ist jedenfalls, dass Tutu durch seinen Truhen-Aufenthalt heute ein gewiefter Solo-Quarantäne-Experte ist, quasi der MacGyver der Einsamkeit, der Indiana Jones der Isolation. Gemeinsam mit Tigrou – der als Geschenk meines Ex-Freundes auch ein paar Quarantäne-Jährchen im Schrank auf dem Buckel hat – bilden sie ein starkes Team. Abgesehen davon, dass sie gerne mit mir „Breaking Bad“ schauen und auch sonst nichts gegen mein vorzügliches (!) und variiertes (!!) Freizeitprogramm einzuwenden haben (Kaffee, telefonieren, Yoga, duschen, Frühstück, telefonieren, kochen, Tea-time, telefonieren), sind sie diskret und dennoch nicht abwesend. Tutu drückt ein Auge zu, wenn ich morgens nach dem Wecker weiterschlafe, nachts hält Tigrou Wache, Tutu meckert nicht, wenn ich erst mittags frühstücke, und Tigrou beobachtet alles aufmerksam. Außerdem sind sie großartige Zuhörer. Manchmal sehe ich die beiden auch den ganzen Tag nicht, weil sie es vorziehen, im Bett zu fläzen, während ich im Wohnzimmer dem Quarantäne-Alltag nachgehe (Kaffee, telefonieren, Yoga, duschen, Frühstück, telefonieren, kochen, telefonieren). Somit gehen wir uns nie auf die Nerven. 

Natürlich ersetzen Tutu und Tigrou nicht die Freunde, und lieber würde ich mit Marie bei einem Kaffee sitzen oder mit ihr das „Wer zwinkert zuerst“-Spiel spielen (und nicht nur, weil ich dann eventuell endlich auch mal gewinnen würde). Ich finde bloß, dass Stofftiere in der Quarantäne bislang unterschätzt wurden. Und eines fehlt mir sicher nicht: das Zanken und Streiten.

Ich hoffe entsprechend, Ihr verbringt eine harmonievolle Quarantäne-Zeit! 

Liebe Grüße aus Paris!

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