Corontine – Tag 16 und 17

Ausruhen für Anfänger

Gestern gab es hier eine kleine Party! Das Problem der Nahrungsmittelbeschaffung hat sich erledigt! Es gab Spargel! Und Erdbeeren! Und Schokolade! Ein Festmahl wurde aufgetischt! 

Zu verdanken ist dies dem kleinen Bioshop bei mir um die Ecke. 

In den letzten Tagen hatte ich beklagt, dass die großen Supermärkte nicht lieferten, viele Produkte sowieso ausverkauft oder wegen der horrenden Nachfrage überteuert waren, und dass am Ende der fiebrigen Online-Einkaufsschlacht die Lieferung letztlich zu einer Fata Morgana verpuffte und einem nichts anderes übrig blieb, vor Ort einzukaufen, was ich als Corona-Patientin de facto ja nicht darf. Verzweifelt nach einer Alternative suchend rief ich also bei dem kleinen Bioshop um die Ecke an. Ich kaufe dort zwar nicht nur, aber oft ein, eigentlich vor allem Obst und Gemüse. Und ich fragte mich auch schon, wie der kleine Bioshop in Corona-Zeiten über die Runden kommt, wenn jetzt plötzlich alle alles online bestellen. 

Endlich wieder frisches Gemüse!

Ich rufe also dort an, und allein dieser Anruf hat mir klar gemacht, wie wichtig kleine Läden sind: der Verkäufer erkannte sofort meine Stimme, erinnerte sich, dass ich letzte Woche noch mit der Sonnenbrille bei ihnen aufgekreuzt war. Er sagte, dass sie dabei sind, einen Lieferservice zu organisieren. Und tatsächlich rief er zwei Tage später an, um mir grünes Licht zu geben. Ich konnte per Email bestellen und am Nachmittag schon standen zwei randvoll gefüllte Einkaufstüten vor meiner Wohnungstür. Dazu ein lieber Brief, um mir gute Besserung zu wünschen. Auch die Bezahlung war kein Problem, sie lassen mir Zeit, bis ich wieder gesund bin, um die Rechnung zu begleichen. So etwas wäre in einem großen Supermarkt undenkbar. Mir ist dadurch klar geworden, wie wichtig kleine Läden sind. Der persönliche Kontakt ist schon in „normalen“ Zeiten Gold wert, der Smalltalk, das Lächeln, das war mir vorher schon bewusst. Aber mehr noch zeigt sich jetzt, in Krisenzeiten, dass hier ein Zusammenhalt möglich ist, ein Vertrauen, dass es unmöglich über einen anonymen Riesensupermarkt geben könnte. Ich weiß jedenfalls, dass ich nach dieser Erfahrung jetzt noch mehr dort einkaufen werde als vorher schon, nicht mehr bloß Obst und Gemüse, sondern auch alles andere. Ich war so gerührt, als ich die Einkäufe und den lieben Gruß vor der Tür entdeckte. Ich glaube, das hat ein gutes Stück zu meiner Genesung beigetragen.

Ganz gesund bin ich noch nicht, aber ich kann es kaum abwarten, ja, und tue so, als wäre ich es bereits, wieder fit. Erst wenn mir schwindelig wird, sehe ich ein, dass jetzt vielleicht nicht der beste Zeitpunkt ist, die Wohnung aufzuräumen. 

Ich glaube, meine größte Schwäche ist die Ungeduld. 

Auf Netflix lege ich große Listen an: Filme, Dokus und Serien, von Miyazaki über Brad Pitt, von Spider Man über Spike Lee bis hin zu Big Bang Theory oder einer Doku über die Windsors oder auch über Tiere oder Lady Gaga, immer nur her damit, deutsche Serien, amerikanische Thriller und französische Films Noirs – Material, um getrost über ein Jahr abzutauchen. 

„Für später“, denke ich bei jedem Klick. Stattdessen einfach auf „Play“ zu drücken, und die Filme JETZT anzusehen, das fällt mir nicht ein. Dass JETZT vielleicht dieser Moment gekommen ist, dieser ominöse Moment, endlich, für den ich die unerschöpflichen Playlists – nicht nur auf Netflix, sondern auch auf diversen anderen Kanälen – an Podcasts und Videos und Reportagen minutiös erstellt habe, darauf komme ich nicht. Ich klicke für die Zukunft, verlängere die Liste, schiebe auf: für den Moment, wenn ich mich dann endlich mal ausruhen, mich erholen kann und darf. Das kommt in ungewisser Zeit irgendwann einmal, ist ein unbestimmter Punkt in der Zukunft – bis mir schwindelig wird vom Stöbern in der Videothek und den lauten, viel zu rasanten Trailern, die Lust auf jene Serie oder diesen Film machen sollen und mir jedoch bloß eines klarmachen: ich bin JETZT krank. Nicht morgen. Ich lasse die Fernbedienung sinken, mir wird klar: „Dieser Moment, an dem du dich endlich mal ausruhen wirst, weswegen du jetzt schuftest, Dinge erledigst, lieber Zuviel als zu wenig, um Zeit und Luft für diesen tollen Verschnauf-Moment später freizuschaufeln, hey, diesen Moment, den gibt es in Wirklichkeit gar nicht. Denn den hast du bisher nicht festgelegt. Du lügst dir etwas vor, Safia.“ Ich sollte mich jetzt ausruhen. Aber genau das fällt mir schwer. Ich denke mir immer: „Komm, hier noch schnell den Bürokram erledigen, fix diese EINE Email beantworten, kurz staubsaugen, und dann kannst du dich wirklich ausruhen.“ Statt einmal einfach alles stehen und liegen zu lassen. 

In den letzten Tagen musste ich tatsächlich alles stehen und liegen lassen, da war ich zu schwach und mir blieb nichts anderes übrig. Aber nun, da die Kräfte allmählich zurück kehren und ich genese, scheine ich mich sofort wieder in das alte Schema der Tretmühle zu stürzen, will wieder tausend Dinge an einem Tag erledigen, sonst nagt das schlechte Gewissen. Und das schlechte Gewissen scheint in der Quarantäne ein leichteres Spiel zu haben als sonst, denn in der Wohnung sind die Wege kurz, sofern man nicht in einem Palast lebt. Und die Zeit ist lang. Gute Voraussetzungen also, um mehr als sonst auf die Reihe zu kriegen. Ein Zwang! In Quarantäne habe ich das Gefühl, an einem Tag noch mehr bewältigen zu müssen, als sonst. Und weit in die Ferne rückt somit der Moment, an dem ich mich erholen darf, kann. 

Vermutlich liegt es aber nicht nur am schlechten Gewissen, dass ich mich nicht ausruhen kann, sondern auch an der sonderbaren Situation, in der wir uns alle derzeit befinden: eine Quarantäne wegen eines mysteriösen Virus über den niemand so richtig Bescheid weiß. Dazu, die Ungewissheit wann und wie die Quarantäne aufgehoben werden wird. Die Frage, wie wir danach leben werden. Werden wir wieder wie vorher reisen dürfen? Werden wir das wollen? In Cafés gehen dürfen? Konzerte besuchen? Werden die Leute ihre Jobs zurückbekommen? Wird sich die Wirtschaft erholen? Werden wir solidarischer sein oder rassistisch werden? Angst voreinander haben oder zusammenhalten? Wird es eine Revolution geben? Neid einzelner Staaten aufeinander? Oder internationale Kooperation? Eine neue Weltordnung? 

Ich könnte noch tausend Fragen an die Zukunft stellen, sie ziert sich und antwortet nicht. Mysteriös gibt sie sich, und unberechenbar wie sie ist, wird sie alles darauf anlegen, die Dinge bis zum letzten Moment offen zu lassen. Die Zukunft legt sich nicht fest, sie bleibt gern vage, liebäugelt mit vielen Möglichkeiten und lässt sich mehrere Türen offen. 

Das macht es schwierig für mich, abzuschalten. Ich habe Mühe, mich auf etwas anderes zu konzentrieren, zumal das Virus noch dabei ist, in meinem Körper nachzuklingen, mich immer mal wieder taumelnd daran erinnert, dass dies kein Traum ist. 

Meditation wird ja so gepriesen. Und vor Corona war es tatsächlich etwas, das ich manchmal anstelle eines Mittagsschlafs machte und erfrischend fand. Jetzt jedoch, in den wilden Corona-Zeiten? Da wirkt kein „Om“ und kein Mantra mehr bei mir, im Gegenteil, es wird mir nur noch schwindeliger davon, und ich habe Angst, die Kontrolle über meinen Körper zu verlieren. Vielleicht, weil derzeit alles unstet ist, kann ich mich nicht treiben lassen. So, wie man doch in guter Verfassung sein muss, sich gut fühlen muss, um in unbekannten Gewässern zu schwimmen? 

Ein Glück gibt es Marie: „Ich habe einen japanischen Zeichentrickfilm gesehen! GROSSARTIG!“, schrieb sie vorgestern. Als gestern ein weiterer Meditationsversuch fehlschlug, habe ich mir stattdessen also den empfohlenen Film angesehen – 

„Only Yesterday“ von Isao Takahata ist ein kleines Wunder: Es war das erste Mal seit Quarantäne-Beginn, dass ich abschalten konnte. Die feinen Animationen eines Lebens in einer mir fremden Kultur, die poetische Sprache, die langsamen Einstellungen, das Kontemplative – der Film schaffte es, mich komplett einzunehmen und abzulenken. Also habe ich danach eine ausgiebige Liste aller japanischen Zeichentrickfilme erstellt, die ich finden konnte. Und jetzt breche ich die Tafel Schokolade aus dem Bioshop an und drücke auf „Play“. 

Lasst es Euch gut gehen, vor allem wünsche ich Euch: Gute Entspannung!

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