Nachteule oder early bird?

Diese Woche startet schlecht. Wie immer eigentlich. Ich finde ja, eine Woche, die montags startet, kann eigentlich nur schlecht beginnen. Ist heute überhaupt Montag?

Ich hatte mir so viel vorgenommen. Einen richtigen Wochenplan hatte ich ausgeheckt und alles auch in Schönschrift festgehalten: um Punkt 8 Uhr wollte ich auf meiner Yogamatte stehen, während parallel schon der Kaffee aufkochte, mein brandneues Mantra für ein erfülltes Leben ins Universum hinausschicken und um 08h30 am Schreibtisch sitzen, um an meinem neuen Roman zu schreiben.

Nun ist es bereits 14 Uhr und nichts von alledem ist geschehen. Statt um 8 Uhr aufzustehen, habe ich auf AUS gedrückt und bis 10h30 weitergeschlafen. Statt Kaffee aufzusetzen habe ich erstmal Facebook und Instagram gecheckt, dann ewig überlegt, was ich anziehe, mich geschminkt und unwichtigen Kleinkram aufgeräumt. Statt Yoga habe ich ein Kippchen geraucht und dabei versucht, mich an das Mantra zu erinnern. Jetzt ist 14h10. Noch keine Zeile geschrieben, ich sitze nicht am Schreibtisch, sondern auf dem Sofa.

„Die 8 Uhr Nachrichten höre ich mir stets gegen 11 Uhr an.“

Früher hätte ich mich sicher über mich selbst geärgert. Aber mittlerweile weiß ich: das ist reine Zeitverschwendung, und ich bin eh schon spät dran. Viel eher verwundert es mich, warum ich nicht endlich akzeptieren will, dass mein Rhythmus nicht dem Tagesplan entspricht, den ich seit Jahren durchzusetzen versuche.

Ich bin eine Nachteule, träume scheinbar aber vehement davon ein Early Bird zu sein. Fakt ist jedoch: selten schaffe ich es vor 2 Uhr ins Bett und ebenso selten vor 9 wieder raus. Die 8 Uhr Nachrichten höre ich mir stets gegen 11 Uhr an. Und Frühstück gibt’s bei mir erst ab 12 Uhr. Es gibt vielleicht nicht vieles, wofür ich garantieren kann, wohl aber dass ich jeden Tag erst gegen 14 Uhr aktiv werde – wenn’s gut läuft 13 Uhr. Und wenn ich tatsächlich mal um 07 Uhr aufstehe, frage ich mich am Ende des Tages immer: wozu? Ich finde dann nämlich jedes Mal tausend frühmorgendliche Beschäftigungen und beginne trotzdem erst ab 14 Uhr zu schreiben.

Natürlich könnte ich sagen: als Autorin pfeife ich auf „9 to 5“, schließlich kann ich schreiben, wann ich will. Aber es gibt ja neben dem Schreiben jede Menge Alltagsdinge, die man besser nicht nachts erledigen sollte. Etwa: seinen Zahnarzt anrufen, zum Markt gehen, sich an der Seine sonnen. Vor allem aber: meine Freundinnen und Freunde treffen. Seit der Pariser Ausgangssperre um 19 Uhr ist ein abendliches Treffen derzeit sowieso nicht möglich. Aber sogar vor Corona war es quasi utopisch Freunde noch gegen Mitternacht aus dem Haus zu locken – außer vielleicht ganz früher, als wir noch jung und wild waren, sprich: noch keine Kinder hatten.

Vielleicht habe ich deswegen auch gern Freundschaften nach Übersee. Ich bin eine treue Übersee-Freundin. Die Zeitverschiebung erlaubt es mir, auch tief in der Nacht soziale Kontakte pflegen zu können. Nicht selten kommt es vor, dass ich gegen 1 Uhr nachts zum Telefon greife und New York anrufe. Rauschen kann es dort eigentlich nur, wenn ich bereits ein Glas Wein intus habe, während New York noch beim After-Lunch-Espresso ist.

Mit den Freundinnen und Freunden vor Ort gestaltet sich das schwieriger. Sollte ich mir für Paris jüngere Freunde suchen, weil kinderlos und zu jeder Nachtzeit für ein Treffen bereit?

Ach.

Abgesehen davon, dass ich meine „alten“ Freundinnen und Freunde schätze und sie nicht austauschen möchte – so habe ich neulich wenigstens versucht, meinen Freundeskreis zu Jüngeren hin auszuweiten. Ist leider auch nichts auf Dauer. Mein 18-jähriger Nachbar hört definitiv nicht die Musik, die ich gerne höre. Außerdem benutzt er ein Deo, dass so penetrant ist, dass es von seiner Erdgeschosswohnung bis zu mir in den 5. Stock hochstinkt.

Neulich habe ich ihn deswegen nachts um 3 Uhr aus seiner Wohnung geklingelt. Ich habe ihm anvertraut, dass ich nicht glaube, dass dieser Duft bei Frauen gut ankommen wird. Okay, ich habe auch geklingelt, weil er an dem Abend eine nervtötend laute Party veranstaltete. Überrascht stellte er klar, dass es sich nicht um ein Deo, sondern um eine Duftkerze handelte. Ich fand nicht, dass substantiell etwas am Problem änderte. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gerochen und auch nicht mehr gesprochen. Ich ziehe es vor, ihn nun meinem Alter angemessen aus der Distanz bei einem Gläschen Wein dabei zu beobachten, wie er mit nacktem Oberkörper Muskeltraining auf dem Balkon macht. Und dann rufe ich New York an, um von meinen Pariser Eindrücken zu berichten. Danach ist schon wieder 2 Uhr früh und ich gehe zu Bett.

Stephen King sagt, dass es egal ist, wann man am Schreibtisch sitzt, Hauptsache es ist jeden Tag zur selben Uhrzeit. Damit die unzuverlässige Muse/Inspiration weiß, wann sie denn mal auf eine Zigarrenlänge vorbeischauen kann. Und er hat recht. So erlebe ich es auch. Bloß ändert es nichts an dem Problem, meine Freundinnen und Freunde sehen zu können.

Vielleicht muss ich warten, bis ihre Kinder aus dem Haus sind und sie ihren zweiten Frühling erleben. Aber eines weiß ich jetzt: es nützt nichts, seinen ganz eigenen Rhythmus verbiegen oder ändern zu wollen. Sich darüber zu ärgern hilft noch weniger. Es kostet nur kostbare Zeit und Energie, die man für wichtigere, interessantere Dinge aufwenden sollte.

Der Kampf gegen meinen Rhythmus war ein Kampf gegen mich selbst. Ich habe festgestellt, dass ich oft mein ärgster Feind bin. Doch dazu ein andermal mehr. Momentan zählt nur: ich habe mir vorgenommen liebevoller mit mir umzugehen. Schließlich bin ich vielleicht eine Eule, aber keine faule Eule. Wenn die Eule also erst um 10 Uhr aus den Federn will, und es vorzieht eine Zigarette zu rauchen, weil es ihre Synapsen mehr anregt als Yoga, dann soll sie das auch dürfen. Die Zeiten sind eh schon hart genug, die Welt verrückt – Gibt es eigentlich ein Netzwerk, um Nachteulen kennenzulernen?

Motto der Woche: Seid lieb zu euch selbst!

Song der Woche: 9 to 5 von Dolly Parton.

Bisous de Paris!

Safia

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